August Gottlieb Rücker war kein Komponist im herkömmlichen Sinn,
obwohl sein Werk sehr umfangreich und durchaus nicht ohne Einfluss
war. Aber eigentlich war der Heilbronner Rücker Pastor der
methodistischen Kirche. Und jedes seine zahlreichen Lieder und
Oratorien war zuallererst Verkündigung, war Gottesdienst in Noten.
Die methodistische Kirche, in die Rücker durch seine Eltern
hineinwuchs, gehört zu den evangelischen Kirchen, ist aber in
Deutschland nicht sehr verbreitet. Ihr Name geht eigentlich auf
einen Spott zurück, mit dem die Kommilitonen einige Oxforder
Studenten karikierten, die im 18. Jahrhundert besonders fromm und
eifrig ihr tägliches Leben nach ganz festen Regeln organisierten.
England blieb auch später die Hochburg dieser Vereinigung, die
schließlich zur Kirche heranwuchsmit klarer Moral wie sozialem
Engagement, für Arme wie alle anderen Benachteiligten,gegen
Sklaverei und gegen jede Diskriminierung.
Auch August Gottlieb Rücker lebte und studierte lange in England,
nachdem er zunächst Gärtner gelernt hatte. Sein Wille, unbedingt
verstanden zu werden und auch einfache Menschen für den Glauben zu
begeistern, paarte sich mit einem großen musikalischen Talent. Und
so beschloss der Pastor und musikalische Autodidakt, durch Musik für
den Glauben zu werben. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zog es ihn
schließlich aus London nach Deutschland zurück, wo er zunächst in
Calw und später dann in Karlsruhe als Pastor wirkte. Er war
leitendes Mitglied im christlichen Sängerbund und außerdem Redakteur
von „Sängergruß“ und „Der Chormeister“, bis die Nazis die
Veröffentlichungen einstellten. Rücker passte sich den braunen
Machthabern nicht an und wurde schließlich bei der Bombardierung
Heilbronns schwer verletzt. Doch er überlebte sowohl den Naziterror
als auch das Kriegsende und starb schließlich hochbetagt in
Heilbronn.
Rückers Oratorium „Hinauf gen Jerusalem“ führt zurück in die Zeit
kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs. Es ist sicher vor 1920 in
Karlsruhe entstanden – wann genau weiß man allerdings nicht. Es
stammt aus der wichtigsten Phase von Rückers Schaffen, in der er
sich sowohl theologisch als auch musikalisch für eine Neuerung der
gottesdienstlichen Musik engagierte. Für Rücker sollte die
Kirchenmusik vor allem „die Pflege des reformatorischen Kampfliedes,
die Bewahrung des pietistischen Liedes der Heilsgewißheit, das
Singen der erwecklichen Heilslieder wie der christlichen
Hoffnungslieder“ sein. Und genau so legt er auch seine Passion an,
für die er selbst Texte aus den vier Evangelien zu einer einzigen
Geschichte kombiniert. Sie ist von Chorälen durchzogen, deren Texte
und Meodien zum Teil ebenfalls aus Rückers Feder stammen. Und er
kannte ‚seine' Klassiker: Der Choral ‚Wenn ich einmal soll scheiden'
wird 1:1 aus Bachs Matthaeuspassion übernommen; mit(!)
Quellenangabe), während das abschließende ‚Amen' den Schlusschor aus
Händels ‚Messias', einschließlich der gleichen Tonart D-Dur
imitiert.
Rückers Anspruch besteht nicht aus musikalischer Komplexität,
sondern ganz bewusst aus Schlichtheit und Glaubenstiefe. Auch die
wenigen Arien seines Oratoriums sind ganz liedhaft gesetzt. Nie wird
Virtuosität zur Schau gestellt, nie geht es um brillante Effekte
oder kühne Harmonik. Aber diese Einfachheit ist keineswegs simpel.
Sie entspricht ganz dem Geist der Zeit, die nach dem Zusammenbruch
des Kaiserreiches nach allem Schwulst des Historismus einen
Neuanfang sucht. Ein Geist, in dem die Formensprache des Bauhauses
ebenso entsteht wie die Bilder der „Neuen Sachlichkeit“. Alles
scheint auf Anfang zurückgesetzt, Klarheit und Simplizität sind
Trumpf. Selbst der dramatische Bericht des Evangelisten ist bei
Rücker eher Innenschau denn Aufregung, ebenso stimmungsvoll wie
reduziert wie das ganze Werk nur von einem Harmonium begleitet. Kein
Wunder schließlich, dass die Passion ebenso heilsgewiss wie heiter
endet: so wie für den Theologen Rücker am Karfreitag Christi
Erlösungstat in Vordergrund steht, liegen für den Künstler Rücker im
Aufbruch der Demokratie der Weimarer Republik die schönsten
Hoffnungen. Und in diesen komponiert er eine wunderbar klare,
erstaunlich moderne, innerliche und ganz und gar persönliche Fassung
der Passionsgeschichte, nicht weniger als ein Meisterwerk.
Thomas Höft
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